Sonntag, 19. August 2018
Sonntagsmärchen – frei nach Apostelgeschichte 3,1-10, dem heutigen Predigttext
Es war einmal ein spirituell höchst aufgeladenes Gespann, die hießen Peter und Hannes und die zogen über die Dörfer ihres Heimatkirchenkreises , um andere mit ihrer Spiritualität anzustecken. Eines Tages – es war gerade Kaffeezeit – gingen sie zur Kirche, denn da war gerade Gemeindefest, da startete der Gottesdienst ausnahmsweise am Nachmittag.

Sie staunten nicht schlecht, als sie beobachteten, wie jemand einen jungen Mann im Rollstuhl vor dem Haupteingang abstellte und ihn dort einfach stehen ließ, statt ihn am behindertengerechten Eingang in die Kirche zu schieben. Eine Frau bemerkte ihre irritierten Blicke und sagte: „Das macht der vor jedem Gottesdienst. Er sammelt angeblich Geld für eine sündhaft teure Behandlung in den USA, mit vierzig Prozent Heilungschancen. Das ist aber so viel, das kriegt der nie zusammen. Ich glaube ja, dass er in der Zwischenzeit alles versäuft, darum gebe ich ihm auch nichts mehr.“

Als nun Peter und Hannes die Kirche betreten wollten, rief der junge Mann im Rollstuhl ihnen zu: „Könntet ihr wohl ein bisschen Kleingeld entbehren? Ich sammle für eine kostspielige Behandlung, damit ich vielleicht eines Tages nicht mehr auf den Rollstuhl angewiesen bin.“
Peter sah ihn an, zeigte auf sich und Hannes, die beide in zerrissenen Jeans, ungebügelten T-Shirts und ausgetretenen Sandalen unterwegs waren und sagte: „Guck uns an. Sehen wir so aus, als ob wir Kleingeld übrig hätten? Wir sind selber pleite. Aber wir geben dir was Besseres. Im Namen Jesu Christi von Nazareth sage ich dir: Steh auf und geh zu Fuß in die Kirche.“
Da nahm Peter die Hand des Rollstuhlfahrers und zog ihn auf die Füße. Er blieb tatsächlich stehen und setzte einen Fuß vor den anderen, obwohl er seit seiner Geburt nicht laufen konnte. Jetzt lief er tanzend in die Kirche und lobte Gott. Alle Gottesdienstbesucher – und wegen des Gemeindefestes waren das viele – sahen ihn herumlaufen und hörten seine Loblieder. Und sie erkannten ihn und weil sie wussten, dass er wirklich gelähmt gewesen und kein Betrüger war – zumindest nicht, was seine Erkrankung betraf - , staunten sie mit offenen Mündern und in das Staunen mischte sich auch Entsetzen, denn was waren das für seltsame Vögel, die einfach so, von jetzt auf gleich einen Schwerkranken heilen konnten, dem bisher kein ausgebildeter Mediziner hatte helfen können? Und wenn sie nicht gestorben sind, dann staunen sie noch heute.

ENDE

Und ich staune auch über dieses Märchen, genauso wie über das, das im heutigen Evangelium steht (Markus 7, 31-37), da heilt Jesus einen Gehörlosen, der natürlich auch bis dahin nicht sprechen kann.
Das sind alles so naive Gottesbeweisgeschichten, mit denen ich wenig anfangen kann. Gut, vielleicht passieren solche Wunder heute nicht mehr – um nicht zu sagen seit vielen Jahrhunderten – weil wir mehr auf unseren Verstand vertrauen und es uns an spiritueller Energie mangelt, aber so weit bin ich noch nicht, dass ich diesbezüglich einfach von der Klippe springe.

Da kann ich schon eher etwas mit dem aktuellen Wochenspruch anfangen:
„Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen .“ (Jesaja 42,3)

In Krankheit, im Unglück, in der Niederlage, wenn wir ganz klein sind und gebeugt, kraftlos wie ein geknicktes Rohr, fast am Ende wie der glimmende Docht, dann gibt es eine Kraftquelle für uns, an der wir uns bedienen können. Manchmal müssen wir nicht einmal das und die Kraftquelle kommt einfach zu uns. Dabei meine ich keinen mystischen Blitz, der uns in die Glieder fährt und auch mehr als das verzweifelte Gebet im stillen Kämmerlein. Es sind Menschen, die uns wieder auf die Füße helfen und wir dürfen Menschen auch um Hilfe bitten und manchmal sind es unerwartete Ereignisse, die das Blatt wenden und uns zum Staunen bringen.

Ja, irgendwann ist es dann tatsächlich vorbei, aber nicht heute. Und bis dahin bleibt die Hoffnung, dass wir aus jeder Talsohle wieder heraus kommen und das Leben noch viele Höhen und Tiefen für uns bereithält, bevor wir uns endlich ausruhen können.

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