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Donnerstag, 21. Dezember 2017
Morgengebet - noch ein Beitrag aus dem Kalender "Der andere Advent"
c. fabry, 00:41h
Es sind schlimme Zeiten, mein Gott. Heute Nacht geschah es zum ersten Mal, dass ich mit brennenden Augen schlaflos im Dunkeln lag und viele Bilder menschlichen Leidens an mir vorbeizogen. Ich verspreche Dir etwas, Gott, nur eine Kleinigkeit: Ich will meine Sorgen um die Zukunft nicht als beschwerende Gewichte an den jeweiligen Tag hängen, aber dazu braucht man eine gewisse Übung. Jeder Tag ist für sich selbst genug. Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt, aber ich kann mich von vorneherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das Einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu retten, Gott. Und vielleicht können wir mithelfen, dich in den gequälten Herzen der anderen Menschen auferstehen zu lassen. Ja, mein Gott, an den Umständen scheinst du auch nicht viel ändern zu können, sie gehören nun mal zu diesem Leben. [...]
Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen. Du wirst wohl auch karge Zeiten in mir erleben, mein Gott, in denen mein Glaube dich nicht so kräftig nährt, aber glaube mir, ich werde weiter für dich wirken und dir treu bleiben und dich nicht aus meinem Inneren verjagen.
ETTY HILLESUM
(DIE AUTORIN WAR EINE NIEDERLÄNDISCHE LEHRERIN: ALS JÜDIN WURDE SIE 1943 IM KONZETRATIONSLAGER AUSSCHWITZ-BIRKENAU ERMORDET.)
Ich werde in der nächsten Zukunft noch sehr viele Gespräche mit dir führen und dich auf diese Weise hindern, mich zu verlassen. Du wirst wohl auch karge Zeiten in mir erleben, mein Gott, in denen mein Glaube dich nicht so kräftig nährt, aber glaube mir, ich werde weiter für dich wirken und dir treu bleiben und dich nicht aus meinem Inneren verjagen.
ETTY HILLESUM
(DIE AUTORIN WAR EINE NIEDERLÄNDISCHE LEHRERIN: ALS JÜDIN WURDE SIE 1943 IM KONZETRATIONSLAGER AUSSCHWITZ-BIRKENAU ERMORDET.)
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Sonntag, 17. Dezember 2017
Das ist ja wie Weihnachten
c. fabry, 14:17h
Schwarz. Absolut schwarz. Kein Lebenszeichen mehr auf dem Bildschirm, kein leises Brummen mehr im Gerät. Am Abend des 22. Dezember gab mein Notebook ohne Vorwarnung auf. Kein Zugang mehr zu meinen Arbeitsunterlagen, zu Fotos und Mails, zum Bankkonto oder meiner Musik. Zu tausend Erinnerungen und bedachten Plänen.
Verzweifelt und nass geregnet stand ich am nächsten Morgen noch vor der Ladenöffnung des PC-Reparaturservice im unwirtlichen Industriegebiet meiner Stadt, Punkt neun öffnete mir der Techniker Andrej am letzten Arbeitstag vor Weihnachten mit einem herzlichen Lächeln die Tür. "Sie kennen sich bestimmt mit Problemen aus", stolperte ich hinein: "Meines ist groß." Als erste Reaktion lud er mich auf einen heißen Kaffee in seine Werkstatt ein. Dann sah er mich mit warmen Augen an. "Wissen Sie", formulierte er bedacht mit polnischem Akzent, "wenn Sie ein Problem haben, müssen Sie beten. Aber wirkliche Probleme gibt es im Leben zum Glück nur ganz wenige. Dies hier ist kein Problem. Es ist eine Situation. Und für eine Situation gibt es Lösungen." Wir schwiegen. Dann begann er zu arbeiten. In mir wurde es ganz ruhig - und ich ging.
Mein Notebook konnte Andrej nicht retten. Aber alle darauf gespeicherten Daten. Und er schenkte mir eine neue Sicht: "Nur eine Situation... Lösungen..." - wie oft habe ich das seitdem innerlich gemurmelt. Und beherzigt.
INKEN CHRISTIANSEN - in dem Kalender "Der andere Advent" von "Andere Zeiten" e. V.
Verzweifelt und nass geregnet stand ich am nächsten Morgen noch vor der Ladenöffnung des PC-Reparaturservice im unwirtlichen Industriegebiet meiner Stadt, Punkt neun öffnete mir der Techniker Andrej am letzten Arbeitstag vor Weihnachten mit einem herzlichen Lächeln die Tür. "Sie kennen sich bestimmt mit Problemen aus", stolperte ich hinein: "Meines ist groß." Als erste Reaktion lud er mich auf einen heißen Kaffee in seine Werkstatt ein. Dann sah er mich mit warmen Augen an. "Wissen Sie", formulierte er bedacht mit polnischem Akzent, "wenn Sie ein Problem haben, müssen Sie beten. Aber wirkliche Probleme gibt es im Leben zum Glück nur ganz wenige. Dies hier ist kein Problem. Es ist eine Situation. Und für eine Situation gibt es Lösungen." Wir schwiegen. Dann begann er zu arbeiten. In mir wurde es ganz ruhig - und ich ging.
Mein Notebook konnte Andrej nicht retten. Aber alle darauf gespeicherten Daten. Und er schenkte mir eine neue Sicht: "Nur eine Situation... Lösungen..." - wie oft habe ich das seitdem innerlich gemurmelt. Und beherzigt.
INKEN CHRISTIANSEN - in dem Kalender "Der andere Advent" von "Andere Zeiten" e. V.
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Sonntag, 10. Dezember 2017
Jesaja 9 reloaded
c. fabry, 20:49h
"Das Volk, das im Finstern wandelt sieht ein großes Licht."
Mich deucht jedoch, so wie man handelt, die allermeisten sehn es nicht.
"Und über denen, die da wohnen im finstern Lande scheint es hell."
Entweder sind da zu viel Wolken oder 's scheint zu grell.
"Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben."
Ich fühl mich trotzdem ganz verloren, wenn auch gerade noch am Leben.
"Und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter."
Sie soll nicht ruhn, sie soll da runter
und endlich wirken,
damit die großen Namen mehr sind,
als nur Schall und Rauch.
"Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewigvater Friedefürst."
Die Wunder liegen auf Eis
und Gott spielt nicht mehr den Helden
auch bei der Vaterschaft versagt er regelmäßig
ganz zu schweigen vom Frieden,
den hat er wohl vergessen.
Haben wir Gott umgebracht?
Und haben wir vielleicht die Macht,
ihn wiederzubeleben?
Mich deucht jedoch, so wie man handelt, die allermeisten sehn es nicht.
"Und über denen, die da wohnen im finstern Lande scheint es hell."
Entweder sind da zu viel Wolken oder 's scheint zu grell.
"Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben."
Ich fühl mich trotzdem ganz verloren, wenn auch gerade noch am Leben.
"Und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter."
Sie soll nicht ruhn, sie soll da runter
und endlich wirken,
damit die großen Namen mehr sind,
als nur Schall und Rauch.
"Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewigvater Friedefürst."
Die Wunder liegen auf Eis
und Gott spielt nicht mehr den Helden
auch bei der Vaterschaft versagt er regelmäßig
ganz zu schweigen vom Frieden,
den hat er wohl vergessen.
Haben wir Gott umgebracht?
Und haben wir vielleicht die Macht,
ihn wiederzubeleben?
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