Freitag, 14. August 2026
Wird Denken zu anstrengend? - unfertige Gedanken ohne den Anspruch auf Unanfechtbarkeit
Es gibt keine Zwischentöne mehr – nur noch schwarz oder weiß, dafür oder dagegen, für die einen oder für die anderen.
Ich gebe den kurzlebigen sozialen Medien und der heruntergefahrenen Aufmerksamkeitsspanne die Schuld. Aber ich bin auch alt und unflexibel.Doch welche Erklärung gibt es sonst für dieses unreflektierte, turbomäßige Einsortieren in Schubladen in denen dann einmal Eingeordnetes gefälligst zu bleiben hat?

Ich nenne drei konkrete Beispiele, an denen deutlich wird, was ich meine.

1. Der Palästina-Israel-Konflikt
Da gibt es die einen, die in ihrer – berechtigten – Kritik an der Politik der israelischen Regierung so weit gehen, Menschen dafür in Sippenhaft zu nehmen, die gar nichts damit zu tun haben. Jüdische Menschen, die in Israel nicht einmal gewählt haben, Israelis, die die Regierung Nentanjahu vermutlich gar nicht unterstützen. Und dann werden womöglich die Verbrechen der Hamas verharmlost als notwendige Reaktion auf die jahrzehntelange Unterdrückung.
Die anderen verlangen uneingeschränkte Solidarität mit dem Staat Israel. Egal, was diese Regierung verbricht. Und eine Eva Menasse, die selbst jüdische Wurzeln hat, wird von diesen Menschen verdammt, weil sie sagt, dass es kein Antisemitismus sei, wenn man das Existenzrecht des Staats Israel anzweifelt. So als würde der Opferstatus einer von sexualisierter Gewalt betroffenen Person rechtfertigen, dass sie selbst zur Tatperson wird.
Das ist alles so undifferenziert, trägt der Komplexität des Konfliktes nicht im Mindesten Rechnung. Dabei gibt es viel Leid und Unrecht auf beiden Seiten, so wie es auch auf beiden Seiten viele Menschen gibt die um Versöhnung und Frieden ringen. Statt die zu unterstützen, werden jene unterstützt, die den Konflikt am Kochen halten.

2. Migrationspolitik
Da sind die Extremisten, die Menschen mit Migrationshintergrund die Schuld geben an diversen Missständen. Wenn ein marokkanischer Clan ein Stadtviertel unsicher macht, müssen gleich alle Marokkaner das Land verlassen. Wenn eine Moschee-Gemeinde als salafistisch entlarvt wird, will man alles Moscheen schließen usw. Ein kleiner Prozentsatz, der zu einer Gruppe gehört, die einem fremd ist, die man nicht versteht, begeht Fehler und gleich soll die ganze Gruppe verschwinden. Damit man sich mit dem Problem nicht mehr befassen muss.
Dann sind da die besonders sensiblen, die sofort in maximale Empörung verfallen, wenn eine Problem mit einer bestimmten Personengruppe beispielsweise in einem Stadtteil angesprochen wird. Sofort werden die Menschen, die sich beklagen, als Rassisten bezeichnet. Vielleicht sind ihre Formulierungen nicht lupenrein, vielleicht ist ihre Kritik nicht perfekt durchdacht. Aber es ist doch schlimm, wenn man Angst vor Übergriffen haben muss, wenn dominantes Platzhirschverhalten alle anderen von bestimmten Plätzen verdrängt, wenn Frauen verachtet werden und Menschen, die nicht in das eigene Weltbild passen, verhöhnt, beschimpft, bedroht oder tätlich angegriffen werden.

3. Catcalling
Verstehen Sie mich nicht falsch. Abfällige Kommentare über den Körper sind unerträglich. Scheinbar wertschätzende Bemerkungen mit eindeutig sexualisiertem Inhalt, in dem die betroffene Person entpersonalisiert und zur Ware degradiert wird, die zu besitzen man begehrt, sind widerwärtig und unter Umständen bedrohlich und darum abzulehnen.
Schnell wird daraus aber eine generelle Ablehnung des Flirts auf der Straße, des Verteilens von Komplimenten, die sich auch mal nur auf die Attraktivität das Körpers beziehen. Warum eigentlich nicht? Was ist schlimm daran zu hören, man sehe schön aus oder habe tolle Beine oder besonders eindrucksvolles Haar? Selbst wenn jemand damit signalisiert, dass er Interesse hat, sich zu paaren...irgendwie müssen die Menschen ja einmal zur Sache kommen. :-)
Zugegeben, es ist äußerst diffizil – wo endet das aufbauende Kompliment und wo beginnt der Übergriff? Jeder Mensch empfindet das anders. Während ich mich königlich amüsierte, wenn mir im Italien-Urlaub fremde Männer eine flirtendes „Ciao“ hinterher riefen und ich es gleichermaßen erwiderte, aber auch unbehelligt weiter ging, hatte meine mexikanische Weggefährtin große Angst, im nächsten Moment verfolgt zu werden. Sie kam aus einem Kulturkreis, in dem ihr das vermutlich passiert wäre. Und das ist sehr schlimm.
Nur dieses – ach es ist so kompliziert – da stellen wir es am besten komplett unter Strafe, erscheint mir so unendlich dumm und macht unser Miteinander ärmer, langweiliger und liebloser. Geradezu blutleer und seelenlos.

Jesus von Nazareth wird folgende Äußerung zugeschrieben:
„Nicht alle können dieses Wort erfassen, sondern nur die, denen es gegeben ist. 12Denn manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer es erfassen kann, der erfasse es.“
(Matthäus 19)
Auch hier geht es um Zwischentöne, Uneindeutigkeit und die Unfähigkeit vieler, dies auszuhalten. Ich wünsche mir eine bunter Welt, in der es das, was es gibt geben darf, solange es die Grenzen anderer nicht verletzt, in der Menschen diese Grenzen respektvoll miteinander aushandeln und dann auch einhalten

Aber vielleicht bin ich auf nur zu alt und verstehe das alles einfach nicht mehr. Wie denken Sie darüber?

https://cristinafabry.blogger.de/stories/2917752/

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Freitag, 31. Juli 2026
Ist christlicher Populismus gefährlich?
Lange habe ich nichts von mir hören lassen, weil meine Arbeit mein gesamte Energie aufbraucht. So geht es sicher vielen.
Nun gibt es aber eine Sache, die mir schon seit längerer Zeit keine Ruhe lässt.
Es gibt eine neue Generation von Theolog*innen und gemeindepädagogischen Fachkräften in der Evangelischen Kirche, die vermehrt auf gefühlsbetonte Lobpreis-Spiritualität setzen. Sie beteuern zwar, dass evangelikale Theologie ihnen fern liege, sie seien durchaus historisch-kritisch unterwegs und keineswegs verbalinspiriert, aber man müsse die Menschen ja schließlich irgendwie gewinnen.

Die Argumentation ploppt auf, wenn man darüber spricht, dass in Gottesdiensten nur noch weißhäuptige Gemeindeglieder sitzen und sogar die neuen Silberrücken nur sehr vereinzelt am Gemeindeleben teilnehmen und auch im Alter von 60 Jahren eher die Küken sind. Es steht zu befürchten, dass die Kirche einfach still dahinstirbt und endgültig verschwindet.

Dem will die neue Generation mit bahnbrechenden Methoden entgegenwirken. Ihre Argumentation:
Den evangelikalen Freikirchen rennen die Leute die Bude ein, weil sie Emotionen ansprechen. Stimmungsvolle Lobpreisgesänge bieten den Menschen genau die Spiritualität, nach der sie sie sich sehnen. Also singen wir einfach auch diese Lieder, verbreiten in unseren Gottesdiensten jedoch andere Inhalte. Und schwupps, sind unsere Kirchen wieder voll.

Das mit den anderen Inhalten erscheint mir jedoch fragwürdig, wenn ein Pfarrer sagt, es gebe ja schon die EINE Wahrheit. Wenn er Liedtexte okay findet, mit Zeilen wie :
„Nothing can stand against the power of our God
You shine in the shadows, You win every battle
Nothing can stand against the power of our God
So when I fight, I'll fight on my knees
With my hands lifted high
Oh God, the battle belongs to You“
(Aus dem Worship-Song „Battle Belongs“ von Brian Johnson / Phil Wickham )
Da hat man dann etwas nicht richtig verstanden, wenn man kritisiert, dass martialische, militärische Sprache in einem Glaubenslied etwas deplatziert wirkt, dass es seltsam ist, die Hände zu falten und darauf zu setzen, dass Gott schon alles für einen regelt, ob man das auch den Menschen in der Ukraine erzählen will und wie man eigentlich so sicher sein kann, dass der Gott der Christ*innen und Juden/Jüdinnen der einzig Wahre ist und jede Schlacht gewinnt. Ob man da nicht vielleicht die Bildung von Feindbildern fördert usw.
Am Ende denke ich, dass diese neokonservativen Theolog*innen den gleichen Weg gehen wie die CDU im Umgang mit der AfD: wie besetzen die polulären Themen und dann kommen die Leute zu uns.
Und wie die CDU werden sie scheitern, weil die Menschen immer dem Original den Vorzug geben. Nur bestätigen sie die evangelikalen Strömungen damit, normalisieren das religionsbesoffene Lobpreis-Gesäusel und am Ende stirbt die demokratisch verfasste Kirche dann endgültig.

Ich hoffe, ich stehe mit meinem leisen Widerstand nicht allein. (Für Lautstärke fehlt mir die Kraft und ich halte mich auch nicht für die hellste Kerze auf der Torte)
Ich erzähle Kindern und Jugendlichen, dass es keine allgemeingültige Wahrheit gibt, nur Glaube.
Das jede Religion eine eigene Kultur ist, sich mit Gott zu verbinden und dass keine davon richtiger ist als alle anderen. Dass jeder Mensch selbst entscheiden muss. Dass ich es für wichtig halte, sich als Teil eines großen Zusammenhangs zu sehen, wo man eine Aufgabe hat, wo man aber auch behütet ist und ein Recht hat auf Respekt, Liebe und Anerkennung. Dass das mit der Auferstehung vielleicht nur eine Metapher ist, dass es aber okay ist, daran zu glauben, aber eben nicht falsch, es nicht zu tun usw.
Ich hoffe, meine Impfung wirkt und ich hoffe, dass viele in meinem Berufsstand und im Ehrenamt es auch so halten. Lasst Euch vom evangelikalen Populismus nicht überrollen! Wir wollen uns unsere aufgeklärte, kritische, partizipative und demokratische Kirche nicht wegnehmen lassen.
Amen.

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Sonntag, 5. April 2026
Auferstanden? Echt jetzt?
Glauben Sie, dass die biblische Geschichte von Jesu Auerstehung sich so zugetragen hat? Also erwiesener Exitus, Ca. 36 Stunden Verwesung und dann erneuter Stoffwechsel?
Viele meiner Mitchrist*innen fänden es ungeheuerlich, wenn ich bekenne, dass ich das nicht glauben will, weil es meiner Meinung nach nicht das ist, um das es geht. Denn was hat es für einen Nutzen, dass der Religionsgründer wieder atmen, reden, laufen konnte und dann doch für immer verschwand?

Ich lese gerade "Klasse" von Hanno Sauer, der zu diesem Kontext einen interessanten Gedanken entfaltet hat:
Der berühmte Ostergruß "Er ist wahrhaftig auferstanden!" stellt aus seiner Sicht den Abbruch der Brücke zu all denen dar, die nicht der christlichen Gemeinschaft angehören, weil hier etwas allgemeingültig Unmögliches als wahr konstatiert wird. Wer bereit ist, so etwas haarsträubend Unplausibles zu glauben und sich dazu zu bekennen, beweist damit gegenüber der Gruppe der Gläubigen seine Vertrauenswürdigkeit. (Hanno Sauer, "Klasse", 2025 bei Piper, Seite 57 ).

Gelegentlich finde ich Exklusivität zugegebenermaßen recht reizvoll, ich bin schließlich nicht besser als der Rest der Menschheit, aber grundsätzlich lehne ich sie ab. Und die Brücken zu den Agnostikern, Atheisten und sich zu anderen Glaubensinhalten bekennenden Mitmenschen möchte ich nicht abbrechen. Ein Dasein allein unter Kirchenmenschen erschiene mir trist, traurig, freudlos. Ich wäre sehr einsam.

Ostern ist für mich das Fest, an dem wir das Leben feiern, den Sieg des Lebens über den Tod, den Neuanfang. Es erinnert uns daran, dass das Leben immer weitergeht, notfalls auch ohne uns und dass wir an jedem Tag neu damit anfangen können, etwas besser zu machen.
🐣

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